|
Anschreiben an die Redaktion: 22. September 2011 * Rezension zu: Der große Milonga-Führer - Was Sie schon immer über Tango wissen wollten, aber nie zu fragen wagten * gelungene Melange aus "einfach schön", sensibel-lehrreich und rotzig-schwarzem Humor Dankeschön! Endlich mal was zum Thema Tango ohne Diskussion, was und wie der "echte" Tango denn wäre, sondern ein Blick in den persönlichen Erfahrungsschatz eines Menschen, dem es primär ums Tanzen und den Genuss dabei geht. Das ganze auch noch verpackt in ein sorgfältig-liebevoll geschriebenes und sauber lektoriertes Buch.
Die bodenständig pragmatischen Tipps zur Auswahl eines Kurses, die mehr als 100 Seiten zu Tangotechnik und musikalischem Tanzen, und nicht zuletzt das Kapitel "Krisenbewältigung" hätten mir damals in den Anfängen als "Neuling" (und später auch) extrem geholfen beim Anrennen gegen verschiedene Betonwände. Wenn die Verbreitung der "Gedanken zum Tango-Unterricht" zu einer verstärkten Reflektion und anschließender Nachjustierung führt, ist das doch nicht verkehrt, oder?
Ich finde, der Autor bestärkt jeden Leser, selbstbewußt seinen ganz eigenen Tango zu finden und vor allem zu behalten. Sensibel zu werden, gegenüber dem Partner, der Musik und sich selbst, einfach mit Respekt zu tanzen. Nicht mit krassen schwarz-weiß-Proklamierungen, sondern mit wunderschön lockerleicht daher fliegenden Gedankenanstubsern, die das eigene Herz und Hirn aktiv werden lassen. (als Beispiel das Satzfragment "...nicht führen, sondern fühlen..."). Und schon schmeckt der Tango nach Bitterschokolade mit Schlagobers, Traumtango leicht gemacht, fernab von tangopolitischen Reviermarkierungen. Wie schön!
Ganz abgesehen davon habe ich stellenweise das Buch beseite legen müssen, um laut zu lachen. "Chilischreibe" lässt die Tangoszene würzig daherkommen: scharf beobachtet, glasklar niedergeschrieben, aber nie respektlos den Menschen gegenüber.
Dieses amüsante, lehrreiche und kurzweilige Buch gehört auf den Nachttisch aller Tangosüchtigen. Die, die noch nicht abhängig von der Droge Tango sind, werden es nach der Lektüre ganz bestimmt. [Manuela Bößel * tangofish *] (16. November 2010) Artikel von Markus Raith 1 Markus Raith Der Tango: ein trauriger Tanz, über den man sich Gedanken machen kann Zahlreiche Tangueras und tangueros beschäftigen sich mit Tango: allein, im Austausch mit anderen, in Gesprächen auf und außerhalb von Milongas. Insofern unterscheiden sie sich nicht wesentlich von anderen aficionados: von Modellbauern, Surfern, Extremsportlern, Yoga- Freaks, Schachspielern und so fort. Worüber denkt man aber nach, worüber spricht man und worüber lohnt es sich nachzudenken und zu sprechen? Zunächst natürlich darüber, mit wem man diese schlafraubende nächtliche Aktivität denn teilt. Wer sind die anderen, die man einmal, zweimal oder mehrmals die Woche sieht, mit denen man redet, scherzt, schimpft und vor allem tanzt? Und von deren Leben außerhalb der Milongas man eigentlich wenig oder nichts weiß? Wollte man sich an einer sicherlich sehr pauschalisierenden Tango-Typologie versuchen, könnte man von drei Grundtypen ausgehen, die man in der Tangoszene antrifft: die Sportlichen, die Musischen und die Geselligen. Die Sportlichen lieben, wie das Etikett bereits suggeriert, die Bewegung und das Erlernen von Bewegungsabläufen. Sie können sich für technisch komplexe Figuren begeistern, machen dabei oft rasch Fortschritte und zeichnen sich durch ein gewisses Beharrungsvermögen aus. Sie bleiben dran, üben, wiederholen. Dabei bringen es manche zu einer gewissen Virtuosität, auch wenn der Bezug zur Musik nicht immer offensichtlich ist. Aber um Musik geht es ihnen wohl auch nicht in erster Linie. Die Sportlichen verfügen natürlich über Körperbeherrschung und beeindrucken mit ihrer Artistik häufig Laien und Anfänger, die den Hochgeschwindigkeitstänzern dann nacheifern – nicht immer zu ihrem Vorteil, versteht sich. Sportliche Tänzer tanzen gerne mit Frauen, die konditionell mithalten können, schwindelfrei und leichtgewichtig sein dürfen, damit sie bei Wurffiguren in die Höhe (oder sonstwohin) geschleudert werden können. Ein untrügliches akustisches Zeichen für die Sportlichen ist das Scharren ihrer Sohlen an jenen langsamen, leisen Stellen der Musik, an denen alle anderen in einer nonchalanten Pose genießen, die Sportlichen aber immer noch eine Drehung dranhängen. Immerhin, wenn das Lied aus ist, hört auch dieses Scharren auf. Die Musischen von der Ästhetik-Fraktion stehen tangotypologisch den Sportlichen fast diametral gegenüber. Ihnen liegen die Musik und die Interpretation der Musik am Herzen. Sie leiden bei tristen Tangos unendlich mit und versuchen mit ihrem etwas blasierten Künstlergestus ihre technischen Schlampereien beziehungsweise bei schnellen Milongas ihre eingeschränkte Beweglichkeit zu kaschieren. Sie geben sich sensibel (was ihnen den Vorwurf der „Schmuserei“ einbringt) und wählerisch, sie tanzen deswegen gerne sehr eng mit anderen Musischen. Der Außenstehende erkennt dies an ihren verzückten Gesichtern, an den geschlossenen Augen der Damen und an den merkwürdig grimassierenden Kiefern der Herren. Dieser Typ fährt gerne nächtens umher, frequentiert Milongas im In- und Ausland, immer auf der – vergeblichen - Suche nach dem idealen Augenblick, der die ideale Musik, den idealen Partner und den idealen Luftdruck vereinen soll, kurz, auf der Suche nach etwas, das zu idealisch für vernunftbegabte Menschen ist. Die Geselligen sind als Typ etwas schwieriger dingfest zu machen, denn im Prinzip gehört Geselligkeit zu jeder Milonga und die meisten tangueros und tangueras schätzen die Möglichkeit, Leute zu treffen, zu plaudern und etwas zu sich zu nehmen – wenn auch zum Leidwesen der Wirte meist nur ein Getränk während des gesamten Abends. Jedenfalls gruppieren sich die Geselligen zuvorderst in Vereinen, Trainingsgruppen oder Clubs. Bei ihnen wird die Geselligkeit nicht vollständig dem Tanzen untergeordnet, wie etwa bei den Musischen, sie spielt vielmehr eine gewisse eigenständige Rolle. Daher tanzt man tendenziell auch mit Bekannten, mit Menschen, die man nett findet oder mit denen man Chips knabbert und ein gutes Tröpfchen trinkt. Wenn’s dabei tänzerisch etwas holpert und nicht so ganz zusammenpasst, ist das nicht weiter tragisch, man nimmt das mit Langmut und der Aussicht auf ein gemütliches Gespräch zum Ausklang des Abends gerne in Kauf. Selbstredend bevorzugen die Geselligen das Vertraute und Bekannte im heimischen Rahmen und fahren nicht wild umher – das überlassen sie den Musischen und schonen nebenbei die Umwelt. Wir alle wissen, dass Typologien ein abstrahierendes Konstrukt sind, das den beobachteten Phänomenen nachträglich übergestülpt wird. Typen gibt es so gut wie nie in Reinform, sondern fast immer in Mischform. Jeder prüfe also für sich, welche Anteile welchen Typs in ihm beziehungsweise in ihr schlummern oder auch ganz offen zutage treten. Und mit welchen Typen man es abends und nächtens zu tun hat. Sicher ist dabei eines: die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man auf Akademiker trifft und dabei vor allem auf Lehrer, Architekten, Ärzte und Psychologen, bisweilen auch auf Studenten. Warum das so ist, mögen die Soziologen klären. Was heißt: ein guter Tänzer oder eine gute Tänzerin? Eine der zentralen Fragen, die in Tangokreisen verhandelt wird, ist allerdings nicht die nach dem Beruf im bürgerlichen Leben, sondern die nach der Qualität des Tanzes und das heißt nach der tänzerischen Qualität derer, die ihn praktizieren. Was macht also einen guten Tänzer – unabhängig vom Stil und vom Typ – aus? In Westfrankreich gab es einmal einen Tänzer namens Claude (und es gibt ihn wohl immer noch), mit dem schmückenden Attribut le berceur. Claude le berceur also. Warum diese Bezeichnung, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass das französische Verb bercer im Deutschen „wiegen“ im Sinne von „(ein Kind) in den Schlaf wiegen“ bedeutet? Bemerkenswert war, dass Claude nur einfachste Dinge tanzte, Grundschritt, ochos und einige kleine Rythmusverdoppelungen, während wir anderen Tänzer uns abmühten, hochkonzentriert irgendwelche komplizierten Figuren zu erlernen. Bei ihm fühlten sich die Tänzerinnen aber offensichtlich wesentlich wohler und Claude bemerkte dazu mit seinem wissenden Lächeln, dass er die Frauen eben nicht überfordere, sondern dass sie sich bei und mit ihm entspannen könnten. Damit trifft dieser kluge Kopf sicherlich das Wesentliche: Ein guter Tänzer tanzt immer genau so, dass er die Frau nicht überfordert, dass sie ihm nicht hinterhergaloppieren muss, sondern dass vielmehr all das, was sie gut beherrscht, zur Geltung kommen kann; dass sie entspannt und zur Musik tanzen kann. Der Gegenpart eines guten Tänzers wäre mithin – folgt man Claudes raisonnement – derjenige, der mit allen Frauen dieselben Figuren durchtanzt, ganz gleich, ob diese Figuren für die jeweilige Tänzerin geeignet sind oder nicht; und der dann, zu allem Überfluss, der Dame auf der Tanzfläche erklärt, wie diese Figur zu funktionieren und wie sich die Dame dabei zu verhalten hat. Jeder Mann, der einmal versucht hat, als Frau zu tanzen, weiß, wie hektisch und übellaunig man werden kann, wenn man vom Führenden ständig überfordert, zum Hinterdreinrennen genötigt und so in Stressituationen manövriert wird. Denn darin liegt wohl – unter anderem – das Erfolgsgeheimnis der sagenumwobenen ergrauten Milongueros aus Argentinien. Allein die Zeit, die sie sich nehmen, um das abrazo vor der ersten Bewegung auszutarieren und eine Verbindung zur Tänzerin herzustellen, spricht für die Qualität ihres Tanzes. Und dass sie dann überwiegend Basisschritte tanzen, diese aber mit Schmelz und Gespür für Rhythmus und Charakter der Musik, braucht hier nicht mehr eigens erwähnt zu werden. Dazu kommt der Rat, den der noch junge Adrien Costa seinen Schülern gibt: Fordert man(n) eine Frau auf, so sein Credo, müsse man unbedingt mit ihr tanzen wollen und nur mit ihr (jedenfalls die nächsten drei Tangos), ansonsten könne man auch ein Bier an der Bar zu sich nehmen. Gleiches gelte übrigens für die Tänzerin, womit wir die Seiten gewechselt hätten. Was macht eine gute Tänzerin aus? Zunächst wie bei den Männern Ruhe, gerne gepaart mit Lässigkeit, und Aufmerksamkeit. Dann – nietzscheanisch gesprochen – der Wille zum Mann. Sich auf den Tänzer und mit ihm auf die Musik einzulassen, zeichnet die tanguera aus, im Französischen gibt es dafür die so treffende wie poetische Wendung être à l’écoute, was – in miserabler Übersetzung - soviel heißt wie „am Zuhören sein“ (aber eben nicht nur mit den Ohren)1. Keinesfalls zeichnet sich die gute Tänzerin nur durch technisch korrektes Tanzen aus, dies ist lediglich die – freilich unabdingbare – Voraussetzung, um Hingabe zu ermöglichen. Dies kann dann, bestenfalls, zur vielgerühmten und doch so oft missverstandenen Sinnlichkeit im Tango führen: Tänzerin und Tänzer versinken gleichsam zusammen in der Musik und erfahren diese akustisch und über die gemeinsame Bewegung durch den jeweils anderen Körper. Hier wird das je ne sais quoi, wird das Moment des Unerklärlichen, des Magischen, des nicht weiter zu Begründenden und rational zu Verstehenden spür- und fühlbar, auch für sensible Zuschauer, welche die Intimität des Paares an der Harmonie der Bewegungen ablesen können (und für alle anderen, vor allem für das finanzkräftige Laienpublikum, gibt es ja die Tangoshows, wo Leidenschaft in stereotypen Posen und karateähnlichen Figuren vermarktet wird). „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ Wie kann man sich jenen so zauber- wie rätselhaften Momenten des Versunkenseins in die Musik reflexiv annähern? Ein Begriff aus der Sportsoziologie scheint dafür geeignet zu sein, der flow, welcher sich wie folgt definiert: Flow (engl. fließen, rinnen, strömen) bedeutet das Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit, auf Deutsch in etwa Schaffens- oder Tätigkeitsrausch, Funktionslust: unüberspannt, wenn der Wille zentriert ist - Konzentration, ohne erzwingen zu wollen. (...). Flow kann .. entstehen bei der Steuerung eines komplexen, schnell ablaufenden Geschehens, im Bereich zwischen Überforderung (Angst) und Unterforderung (Langeweile). Der Flow-Zugang und das Flow-Erleben sind individuell. Dennoch gibt es allgemeine Beobachtungen und Prinzipien, die immer gelten. Flow ist eine Form von Glück, auf die man Einfluss hat. (...) Der Flowzustand entspricht einem Zustand optimaler Anpassung/Resonanz der inneren Anteile und der Umwelt (...) Dem Tanzen kommt eine besondere Bedeutung als Flow-Aktivität zu, da „Tanzen vermutlich die älteste und bedeutsamste ist, sowohl aufgrund seiner [sic!] weltweiten Anziehungskraft als auch wegen seiner potenziellen Komplexität“ (Mihaly Csikszentmihalyi: Flow - Das Geheimnis des Glücks). Dies trifft ziemlich genau die Faszinationskraft eines gelungenen Tango: ein Gefühl des Schwebens, dazu höchste Intensität und Versunkensein, ein völliges Beanspruchtwerden durch die Bewegung zu zweit. Schiller hat dies lange vor der empirischen Flow-Forschung in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen formuliert. Er spricht von einem „Zustand der höchsten Ruhe und der höchsten Bewegung, und es entsteht jene wunderbare Rührung, für welche der Verstand keinen Begriff und die Sprache keinen Namen hat. Zu diesem Zustand passt, was einmal eine kluge Tänzerin formuliert hat: Während der Tangos sind Tänzerin und Tänzer ein Paar, ganz egal, in welcher Beziehung sie ansonsten stehen oder ob sie sich überhaupt kennen. Daher rührt wohl auch jene eigentümliche Melancholie, die uns unmittelbar nach dem Tanz ein wenig hilf- und meist auch sprachlos verharren lässt, bevor wir uns aus dem Bann wieder lösen, der gleichwohl die Milonga lange überdauern kann - der als melancholischer Nachhall in den nächsten Tag müde hineinklingt. An diesem Phänomen erweist sich überdies die ungewöhnliche soziale Codierung des Tango, worunter wir die ungeschriebenen und unausgesprochenen Regeln verstehen, die unser Zusammenleben regeln. Nur auf der Milonga – in einem speziellen Raum mit speziellen Verhaltensnormen also - ist es möglich, mit einer gänzlich unbekannten Person augenblicklich und sogar ohne ein Wort zu wechseln in sehr engen, ja intimen Körperkontakt zu kommen. Diese Eigenart wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, was geschehen würde, wenn man(n) in den öffentlichen Verkehrsmitteln, etwa in der Metro, eine Fremde einfach so in die Arme nehmen würde. Genauso schnell und unkompliziert erlaubt der soziale Code des Tango aber auch das Auflösen dieses speziellen Zweierverhältnisses durch ein knappes „Danke“, was im Alltag so genausowenig möglich wäre. Auch herrschen beim Tango bestimmte Zugangs- und Teilnahmerestriktionen. Nicht jeder und nicht jede kann auf einer Milonga auftauchen und spontan Fremde umarmen. Es bedarf zumindest der Grundkenntnisse des Tanzes und der Aufforderungsregeln, um mitspielen zu können. Denen, welche die Regeln beherrschen, eröffnen sich freilich neue Horizonte. Dies beginnt bei der Festsituation der Milonga, welche bei einem großen Tango-Ball noch gesteigert wird. Hier ist es möglich, Kleidung zu tragen, die andernorts allenfalls unangebracht, vielleicht auch anstößig wäre. Eleganz und Extravaganz dürfen hier zusammenkommen und das Auge erfreuen. Davor, noch zuhause, werden die Körper auf diese Festsituation und ihr Zusammentreffen sorgfältig vorbereitet wie wahrscheinlich in kaum einer anderen Situation. Und schließlich wird durch das Wechseln der Schuhe gleichsam eine Schwelle überschritten, werden Frauen und Männer zu Tänzerinnen und Tänzern und nehmen eine oft ganz andere Rolle ein, als die, die sie ansonsten spielen: beruflich oder privat. Hinzu kommt, dass in einer Gesellschaft, die den Großteil ihrer öffentlichen, nicht-familiären und nicht-freundschaftlichen Beziehungen visuell und verbal organisiert, der Tanz einen ganz anderen Zugang zu Unbekannten oder nur flüchtig Bekannten gestattet. Normalerweise betrachten wir diesen Personenkreis oder sprechen mit ihm, berühren ihn aber nicht. Der Tango ermöglicht uns die zuvorderst körperliche Wahrnehmung der Anderen. Und auch dies ermöglicht er uns: Den Kontakt zu verschiedenen Milieus und Altersgruppen via Berührung (sieht man einmal von der Akademikerlastigkeit ab). Wann tanzt man ansonsten mit Personen, die theoretisch und praktisch einer anderen Generation angehören? Außer vielleicht auf einer Hochzeit? Und schließlich gewährt uns der Tango unkomplizierte Kontakte zu Menschen anderer Kulturen und Länder. Der hohe Improvisationsanteil des Tanzes lässt es zu, dass wir in einer anderen Stadt, auch im Ausland, mit völlig Unbekannten tanzen können, deren Lehrer und deren Unterricht wir nicht kennen. Einmal abgesehen davon, dass man auf Milongas so direkt und so schnell wie nirgendwo mit Einheimischen ins Gespräch kommen kann, eine Wohltat für alle, für die das Reisen mehr ist als das bloße Knipsen von Sehenswürdigkeiten. Kann und soll man über Tango nachdenken? Bleibt am Ende die Frage: Lohnen sich all diese Überlegungen überhaupt? Wieso sollte man sich nicht einfach mit dem Genuss des Tanzens zufrieden geben? Der brillante Soziologe Gerhard Schulze gibt darauf eine Antwort, die zwar nicht den Tango im Besonderen anvisiert, aber körperliche Genüsse im Allgemeinen: „Wenigen ist überhaupt klar, dass es (...) noch eine (...) Bedingung gibt, die darüber entscheidet, ob aus dem, was man tut und was einem widerfährt, etwas Lohnendes wird: die Art und Weise nämlich, wie man den Strom alltäglicher Ereignisse und Handlungen reflektiert: wie man ihn für sich selbst beobachtet und beschreibt.“ (Schulze S. 193) Weiter bemerkt er: „Sinnlichkeit beginnt mit der Idee, das Glückskapital des Körpers besser zu verzinsen. Zwar ist nach wie vor der fühlende Körper das zentrale Medium des Glücks, aber der beobachtende und reflektierende Geist schaltet sich ein. Er studiert den Körper, führt ihn, bremst ihn, lehrt ihn.“ (Schulze S. 201)3 Reflexion dient also der Steigerung und Intensivierung ästhetischer Genüsse. Sie hilft uns auch dabei, Situationen zu schaffen, die diese Genüsse erst ermöglichen und dann verlängern beziehungsweise intensivieren. Als prägnantes Alltagsbeispiel nennt Schulze die verfeinerte Esskultur, welche durch raffinierte Verzögerungstechniken – Aperitif, verschiedene Gänge, Dessert, Kombination der Speisen, das Reden über Speisen – den sinnlichen Genuss im Vergleich zum bloßen Hinunterschlingen von Essbarem erheblich steigert und vor allem verlängert. Warum sollte dies nicht auch für den Tango gelten?
1. Der Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han hält diese „Gabe des Lauschens“ - ganz allgemein und Der Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han hält diese „Gabe des Lauschens“ - ganz allgemein und nicht auf den Tango bezogen – für eine große Tugend, die in unserer umtriebigen Gesellschaft mehr und mehr verlorengeht: „Die Gabe des Lauschens beruht gerade auf der Fähigkeit zur tiefen, kontemplativen Aufmerksamkeit, zu der das hyperaktive Ego keinen Zugang hat.“ (S. 27) Somit verschwinde auch – und hier beruft sich Byung-Chul Han auf Walter Benjamin - die „Gemeinschaft der Lauschenden“ (S. 26) Der Tango wäre also – folgt man diesen Überlegungen - so etwas wie ein Reservat, wie ein Biotop für die immer seltener werdende Gemeinschaft der Lauschenden. In: Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft, Matthes & Seitz, Berlin, 2010
2. Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, 15. Brief.
3. Gerhard Schulze: Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde. Fischer, Frankfurt a.M., 2008.
New York Times 18. Oktober 1913
….Eines der größten Kaufhäuser Berlins, entdeckt die Tangomanie, und hat kürzlich eine Tango Tee Veranstaltung eingerichtet, um Kundschaft anzulocken. Beurteilt man dies nach den Schlangen von Menschen die vor der Eröffnung des Tango Tee´s diese Woche zu sehen waren, erscheint diese Innovation eine größere Anziehung zu haben als der Schlussverkauf. Je weiter die Saison voranschreitet und der Winter näher rückt, wird zunehmend offensichtlich, dass der Tango die Suprim der Gesellschaft die nächsten 6 Monate einnehmen wird: Die Gesellschaft ist völlig verrückt danach. Leute die nie getanzt haben überrumpeln sich und versuchen Unterricht für $2.50 oder $3:75 für die halbe Stunde zu bekommen. Das sind Preise, welche Tango Lehrer ohne Schwierigkeit verlangen können. Ein sehr bekannte Frau der Gesellschaft erzählte diese Woche: 'Worüber wir uns die Köpfe zerbrechen, ist die Frage ob der Tango sich in den heiligen Tanzsaal des Kaisers wagt, wo bis jetzt nur anerkannte, formelle und korrekte Tänze erlaubt waren. Die Kaiserin ist eine besondere Gegnerin. Rigoros wird der skandalöse 'one-step' abgelehnt. Nur ein mutiger Prophet würde behaupten das der Tango sein Weg in den Hof finden wird, aber wenn nicht, werden die Hofbälle künftig noch trostloser und langweiliger denn je.
(30. November 2007) Mein lieber Herr Bay! Anbei sende ich Ihnen ein kleines Info zum Konzert am 29.12 in Basel. Was ich auf Ihrer Seit vermisse, ist ein Benimm-Kodex zum Thema Tango. Eine Art Tango-Knigge. Ich möchte doch in aller Dringlichkeit auf solch eine Rubrik bestehen. Die Sache liegt mit am Herzen, von daher wende ich mich auch an Sie, den bekannten Tangofunktionär. Ich bitte dies einmal mit Ihrer Gattin und diesem Fräulein Heide zu besprechen, dass scheinen Damen von Welt zu sein, die mein Anliegen sicherlich nachvollziehen können. Sie als Lehrkörper haben hier eine besondere Verantwortung. Hochachtungsvoll Madame ROSALIE
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Verehrte Fräulein Rosalie,
im Hinblick auf die Bedeutung der unten angekündigten Veranstaltung, war es mir eine Ehre Ihre Daten höchst persönlich in der Homepage einzupflegen. (Honorierung wie abgesprochen) Leider war es mir nicht ohne die Zuhilfenahme der Super Administratorin in Augsburg möglich, weswegen es erst jetzt am späteren Nachmittag möglich wurde. (Gott sei Dank das die Post nicht mit der Postkutsche befördert wird) Bezugnehmend auf ihre Anfrage zum Benimm-Kodex, möchte ich für heute soviel verraten, dass wir dieses ebenfalls ernst nehmen und zur gegebenen Zeit die nötige Rubrik unter " Vermischtes " einrichten werden. Die arg strapazierte Super Administratorin kurz Manu genannt möchte ich vor dem Jahres wechsel mit weiteren Fragen dieser Art nicht belästigen. So hoffen wir, dass Tango am Bodensee Team ganz aufrichtig, dass Sie sich mit dem Zettel am Pinnwand - bestimmt aus ihrem Büro angeheftet - mit dem Hinweis auf solch ein wichtiges Thema, Benimm-Kodex, zufrieden geben. Stets zu Ihren Diensten, ihr, Arthur Bay Weiteres folgt! |